Wahrer Glaube

 

Seit Jahrhunderten stehen sich religiös gläubige Menschen und antireligiös eingestellte Skeptiker unversöhnlich gegenüber. Wie können sie zusammenkommen? Das zu klären, ist Ziel dieser Überlegungen.

Zunächst zu den Gläubigen: In Wirklichkeit sind religiös gläubige Menschen nicht im Wortsinne gläubig, sondern überzeugt. Sie sind überzeugt davon, dass ihre “Glaubensinhalte” wahr sind. Für sie besteht der Weg zum wahren Glauben nun darin, nur von dem überzeugt zu sein, was als wahr erwiesen ist. Alles andere, was geglaubt werden will, wird nicht als Überzeugung, sondern als These angesehen. Der wahrhaft gläubige Mensch kann deshalb über seinen Glauben auch nicht in Streit geraten.

Wenn ein anderer diesen Glauben für falsch hält, so wird ihn das nicht kränken können, sondern inspirieren, da der wahre Glaube eine Haltung mit sich bringt, die an Informationen interessiert ist und keine unbewiesenen Überzeugungen verteidigen muss.

Wie ist es mit den Skeptikern? Sie sind meist gute Denker und stehen vielen “Glaubens”-Überzeugungen der religiös “gläubigen” Menschen skeptisch gegenüber. Auch neumodischen, pseudo-esoterischen Behauptungen gehen sie nicht einfach auf den Leim, sondern betrachten sie kritisch und vergleichen sie mit der gesicherten Datenlage. Oft liegen sie richtig, manchmal sind sie vielleicht überkritisch. Wie können sie nun zum wahren Glauben finden? Zunächst müssen sie erkennen, dass sie zwar mit allem skeptisch zu sein scheinen, es aber nicht sind. Sie sind nämlich nicht wirklich skeptisch mit der Skepsis selbst.

Hier ist allerdings nicht die Rede von einer skeptischen Prüfung der eigenen skeptischen Analyse konkreter Zusammenhänge oder Behauptungen. Das wird vom Skeptiker in der Regel gemacht. Es ist stattdessen davon die Rede, der Skepsis als Methode skeptisch zu begegnen. Der Skeptiker kann sich von der skeptischen Grundhaltung nur befreien, wenn er (zeitweise) unskeptisch zu denken und zu handeln lernt. Er muss lernen, in richtiger Weise zu glauben, d.h. die wahrhaft wissenschaftliche Haltung einzunehmen, die besagt, das alles, was wir nicht wissen und was nicht unmöglich oder ganz sinnlos ist, als Möglichkeit zu akzeptieren ist.

Beide, die Skeptiker und die religiös “Gäubigen” können sich in der Mitte, nämlich im wahren Glauben treffen, wenn sie bemerken, inwiefern sie entlang ihrer Überzeugungen dogmatisch geworden sind. Sie müssen die Bereitschaft entwickeln, “Überzeugungsheimaten” aufzugeben und zu wirklich freien Denkern zu werden und damit auch zu wahrhaft Gläubigen im meditativ religiösen Sinne. Sie brauchen dann keine Überzeugungen mehr zu verteidigen, wenn sie kritisiert werden und können neugierig, offen, herzlich und meditativ bleiben. Wieso sollte man sich auch darüber streiten, wenn der einer glaubt, dass es morgen regnen wird und der andere, dass es sonnig wird? Sofern die Datenlage nicht ausreicht, wird es sinnvoll sein, den nächsten Tag abzuwarten und nachzusehen, wie das Wetter wirklich ist.

Der wahre Glaube öffnet den Menschen für eine innere Haltung der Hingabe an das Leben selbst.

Er tritt nicht dogmatisch oder ausgrenzend auf, sondern verbindet die Menschen und betrachtet sie als eine gemeinsame Gruppe, die sich auf einer geheimnisvollen Reise auf einem Planeten durch das Weltall befindet. Der wahre Glaube steht niemals im Widerspruch zu wissenschaftlichen Ergebnissen, die sich als wahr erwiesen haben. Und er eröffnet einen Weg, sich der Wirklichkeit anzuvertrauen, den der Skeptiker nicht kennt und bei dem er vom religiös gläubigen Menschen lernen kann.

Für beide Seiten ist es ein schwieriger Weg, die richtige innere Haltung des wahren Glaubens zu erreichen. Wir Menschen hängen eben an unseren Überzeugungen. Und doch ist es der Weg, den der gesunde Menschenverstand uns vorgibt. Der “Gläubige” also muss zwischen Wissen und Vermutung unterscheiden lernen, der Skeptiker muss lernen, sich zumindest phasenweise dem wahren Glauben hinzugeben, also dem Staunen gegenüber dem Wunder der Existenz, der Schönheit innerer Stille und der Intelligenz meditativer Ausrichtung. So treffen sich diese beiden Gruppen und letztlich alle Menschen im wahren Glauben, der einen Mittelweg zwischen den Extremen und den liebe- und weisheitsvollen Kern jeder zukünftigen Religion darstellt.

Wie ist der Zusammenhang zu authentischer Kommunikation?
Auch wenn wir authentischer werden, brauchen wir nicht mehr zu streiten. Wir können immer auf die versteckten Wahrheiten hinter unseren emotionalen Aufwallungen schauen, auf die Motive, Befindlichkeiten und Ziele, die wir mit unserem Reden verbinden. Die Grundhaltung des wahren Glaubens, wie sie hier beschrieben wurde, kristallisiert sich dabei als die richtige persönliche Haltung heraus. Wir finden also sowohl durch mehr Ehrlichkeit im authentischen Gespräch, als auch durch korrektes Denken über Glaube, Überzeugung und Skepsis zu eben dieser Haltung.