Das Geheimnis lüften

 

In einer Gesprächsrunde sagte einmal ein Teilnehmer: „Erst nach dem Tode meines Vaters habe ich gemerkt, dass wir uns nie wirklich begegnet sind.“ Es war eine berührende Aussage und jeder Zuhörer konnte fühlen, wovon er sprach.

Was braucht es, um einander „wirklich“ zu begegnen, anstatt nur nebeneinander her zu leben?

Es braucht die Bemühung, sich dem Geheimnis zwischenmenschlichen Kontaktes mit voller Aufmerksamkeit zu widmen. Es wird nicht reichen, im Alltag miteinander auszukommen und sich ab und an gut zu unterhalten, selbst wenn es dabei um wichtige Inhalte geht. Auch körperliche Nähe, Sympathie und Verständnis reichen (noch) nicht aus, damit eine „echte“ Begegnung stattfindet.

Ohne die Bereitschaft zu ernsthafter Suche, wirklicher Öffnung und aufmerksamer Stille, werden Kontakte weiterhin in sicheren Bahnen verlaufen. Die gemeinsam verbrachte Zeit mag wertvoll und herzlich sein, aber etwas in uns bleibt unerfüllt zurück.

Das Geheimnis, von dem hier die Rede ist, hängt direkt mit dem Geheimnis der menschlichen Existenz und des „Lebens in der Form“ überhaupt zusammen. Wie können wir es also lüften?

Wir müssen einen Raum der Stille, der Achtsamkeit und der Heiligkeit schaffen, um es einzuladen. Fast wie bei einem Konzert, wo das Publikum in Stille lauscht und die Orchestermusiker sich ganz aufeinander und auf das Stück einlassen, um es in meisterhafter Art präsentieren zu können. Würde im Publikum gesprochen werden, die Musiker nach eigenem Takt und Rhythmus spielen und der Dirigent nebenher in einer Illustrierten blättern, könnte die Aufführung nicht gelingen.

So verhält es sich auch mit wirklicher Begegnung. Wir müssen sowohl dem Geheimnis, als auch unserem wahren Selbst und dem der anderen einen Raum lassen, in dem sie auftauchen und stattfinden können. Die verschiedenen Schichten einer Begegnung, die darunter liegenden Themen und Emotionen werden dann ans Licht kommen können, Bewusstseinserweiterung und das Geheimnis des zwischenmenschlichen Kontakts werden berührt und erkannt. Wir brauchen dafür jedoch höchste Achtsamkeit und heitere Gelassenheit in gleichem Maße. Es ist ein wenig wie mit der Erleuchtung: Wir können uns darauf zu bewegen, aber sie lässt sich nicht erzwingen.

Wenn wir die Symptome der Oberflächenwelt beachten und richtig zu deuten lernen, (Selbst-)Erkenntnis wichtiger nehmen als unsere Befindlichkeiten und unsere Bereitschaft und Kompetenz dahingehend ausdehnen, im jeweiligen Kontakt präsenter, wesentlicher, ehrlicher und direkter zu werden, können wir Erfolge erreichen und Momente großen Glücks erleben.

Dann kann eine Begegnung fast so intensiv werden, wie ein elektrischer Blitz zwischen zwei Hochspannungsleitungen. Wir verschmelzen förmlich miteinander und wissen augenblicklich, dass gerade etwas geschehen ist, wonach alle suchen. Es handelt sich um eine spirituelle Gipfelerfahrung, die sowohl im Kontakt mit einer anderen Seele als auch in der meditativen Versenkung erlebt werden kann.

Zu Beginn der Reise wird es hilfreich sein, sich daran zu erinnern, dass das Geheimnis immer bei uns und um uns ist. So wie uns der Tod auf unserer Lebensreise begleitet, begleitet uns auch das Wunder der Existenz. Wer spricht eigentlich, wenn wir sprechen? Wer empfindet, wenn wir etwas empfinden und wer denkt, wenn wir etwas denken? In den Weisheitstraditionen spricht man vom Denker oder der Seele, der bzw. die die körperliche Form verwendet, um sich auszudrücken und zu erfahren. Unsere eigentliche Sehnsucht hinter allen Wünschen nach Kontakt und Begegnung ist nicht Anerkennung, Freude, Lust oder Geborgenheit, sondern die Verbindung zu unserem wahren Selbst, zur eigenen Seele und der Seele der anderen.

Wenn wir beginnen, dem Leben wirklich zuzuhören und bereit sind, das Richtige zu tun, statt Böses zu denken, werden wir gut vorankommen und immer mehr zur Essenz unseres Seins vordringen. Dann wird uns auch das Tor zu jenem Geheimnis geöffnet werden können.